Donaureise

In den kommenden Wochen bin ich mit meinem Team entlang der Donau unterwegs. In meiner Fraktion bin ich für die Donauraumstrategie zuständig und möchte mir deswegen ein Bild machen, um die Kultur und Menschen vor Ort kennenzulernen. Wir besuchen jeden Tag verschiedene Institutionen und wollen damit einen Beitrag dazu leisten, dass die Donauraumstrategie der Europäischen Union mit Leben gefüllt wird.

Zu Beginn ist vielleicht eine Info besonders wichtig: Was ist die Donauraumstrategie? Laut Wikipedia folgendes: Die Strategie der Europäischen Union für den Donauraum ist eine Strategie der Europäischen Kommission die auf eine engere Zusammenarbeit der Staaten entlang der Donau abzielt. Schwerpunkte sind dabei die Bereiche Infrastruktur, Umweltschutz, die Schaffung von Wohlstand sowie gute Regierungsführung. Mehr Infos zur Baden-Württembergischen Sicht darauf findet ihr hier.

 

Das Tagebuch wird von Alex geschrieben und, so oft wie möglich, aktualisiert. Da das Programm der Reise recht voll ist und nicht viel Zeit bleibt, werden sich sicher einige Rechtschreib-, Zeichensetzungs- und Grammatikfehler einschleichen. Hier gilt: wer sie findet, darf sie behalten!


Tag 1 – 29.07.2018
Ulm – Ljubljana

Es geht los! Nach mehrmonatiger Vorbereitung starten wir heute unsere Reise durch den Donauraum. Wir, das bin ich, Alex Maier, Grüner Landtagsabgeordneter aus Göppingen und innerhalb der Fraktion zuständig für die Donauraumstrategie, Vicky Kruse, Mitarbeiterin im Büro Stuttgart und Mitglied im Parteirat von B90/DIE GRÜNEN Baden-Württemberg, und Anja Konanec, Mitarbeiterin im Wahlkreisbüro in Göppingen, und wir hatten im letzten Jahr die Idee den gesamten Donauraum zu bereisen um uns selbst einen Eindruck zu machen von Projekten und Organisationen vor Ort und um Netzwerke und Freundschaften im ganzen Donauraum zu knüpfen. Nur durch das eigene erleben, kann man wirklich ein Gefühl dafür bekommen, was diese EU-Donauraumstrategie tatsächlich bedeutet für die Menschen in der Region. Nach intensiver Planung und Vorbereitung sind wir jetzt also tatsächlich auf dem Weg. Den ganzen August über besuchen wir insgesamt 12 Länder, haben proppenvolle Terminkalender und werden unzählige Menschen kennenlernen die sich mit ganzer Leidenschaft für den Donauraum einsetzen. Und das alles machen wir als Grüne natürlich Stilecht mit dem Zug. Dank dem großartigen Interrail-Angebot der EU, ist das nicht nur bequem sondern auch (Achtung, Schwaben auf Reise!) günstig.

Los geht der Spaß am Hauptbahnhof in Ulm. Von dort geht es mit dem ICE nach München bzw. sollte es nach München gehen. Problem: der Halt wird, während der Fahrt, kurzerhand von der DB gestrichen. Blöd, wenn man einen Anschlusszug erreichen will, der vor München nur in Augsburg hält. Wenn es nach der Bahn gegangen wäre, hätten wir das wohl erst in München-Pasing bemerkt aber glücklicherweise gibt es im ICE wenigstens WLAN und ich, als leidgeprüfter Pendler auf der Filstalbahn, habe die Bahn-App immer Griffbereit. Also alles raus in Augsburg und auf den EC warten der direkt bis in die slowenische Hauptstadt Ljubljana fährt. (Kleiner Spoiler: es wird für sehr sehr lange Zeit das letzte mal sein, dass sich einer von uns über die Deutsche Bahn beschwert, dazu später mehr!)
Die Zugfahrt nach Ljubljana ist sehr angenehm. Wir haben ein eigenes Abteil für uns und können uns für die lange Fahrt angemessen ausbreiten. Diese Gelegenheit nutzt Vicky um das, von ihrem Freund vorbereitete, mobile Bordbistro anzurichten. Anja kann ungestört das Abteil mit ihrer neuen Lieblingsband SXTN (Zitat: „Wir sind asozial und geil, ihr seid nur asozial.“) beschallen, zu Vickys Freude und zu meinem Leidwesen. Die meiste Zeit nutzen wir aber zur Einstimmung und um das Programm der Reise nochmal durchzugehen. Geplant ist folgende Route: Nach den ersten Terminen in Ljubljana geht es weiter, über Belgrad und Sofia, nach Plovdiv. Danach Termine in Sofia, von dort nach Ruse und Bukarest in Rumänien. Nach einem Abstecher nach Moldova kommen wir mit Odessa an den östlichsten Punkt der Reise und ans schwarze Meer. Von der Ukraine geht es nach Wien, Bratislava, Budapest und wieder nach Belgrad. Hier wird die Reise ein bisschen kompliziert mangels fahrender Züge. Wir müssen also von Belgrad nach Sarajevo mit dem Auto fahren. Schließlich folgt das letzte Land: Kroatien, mit Programm in Vukovar, Osijek und Dubrovnik. Von dort geht es wieder zurück in die Heimat nach Stuttgart bzw. Göppingen.

Volles Programm also und einiges zu organisieren. Die erste Fahrt geht aber schon mal relativ entspannt über die Gleise und wir kommen gut und sicher in Ljubljana an. Die 290.000-Einwohner-Stadt ist Hauptstadt, kulturelles und wirtschaftliches Zentrum Sloweniens. Der Name bedeutet übersetzt übrigens so viel wie „geliebte Stadt“. Eine Zuschreibung, die wir, spätestens auf den zweiten Blick, absolut nachvollziehen können. Sightseeing steht heute aber nicht mehr auf dem Programm. Es wird Kraft getankt für den nächsten, langen, Tag. Da stehen endlich die ersten Termine an und nach einem guten Essen am Ufer des Flusses Ljubljanica beschließen wir den Tag mit einem guten Wein. Auch, wenn es wohl kaum so entspannt weitergehen wird wie es angefangen hat, ist es ein guter Start für eine außergewöhnliche Reise.

Fazit des Tages: Nur wer entspannt beginnt, kann entspannt enden!


Tag 2 – 30.07.2018
Ljubljana – Belgrad

Der Tag beginnt mit unserem ersten Termin beim Center for European Perspective (CEP) in Ljubljana. Wobei hier Ljubljana im weitesten Sinne gemeint ist. Nach ca. 30 minütiger Anreise stehen wir mitten auf einem Berg vor dem, im 16. Jahrhundert erbauten, Schloss Jablje. Dort ist das CEP untergebracht und nach kurzer Suche des Klingelschilds werden wir begrüßt von Executive Director Gorazd Justinek und Nina Čepon, Projekt Managerin für die Donauraumstrategie. Das CEP ist eine, von der slowenischen Regierung unterstützte, Organisation bei der die Bilaterale Kooperation im Vordergrund steht. Da Slowenien, neben dem Donauraum, noch zu zwei weiteren EU-Makroregionen gehört (Alpenraum und Adriaraum), ist hier ein Haufen Kooperationsarbeit zu leisten. Das funktioniert laut Gorazd und Nina meistens ganz gut, allerdings gibt es hin und wieder Bereiche, in denen es etwas schwerfällig läuft. So ist zum Beispiel der Kontakt in die Länder die zwar zum Donauraum aber nicht zur EU gehören manchmal recht kompliziert. Auch der Draht zur deutschen Wirtschaft ist nicht so intensiv wie gewünscht. Gerade im Innovations- und Wirtschaftsland Baden-Württemberg, gäbe es sicher genügend interessante Partner. Die erste Hausaufgabe für uns! Die zweite folgt dann auch gleich, als wir über die Donauraumstrategie reden. Hier hat sich die Baden-Württembergische Landesregierung nämlich dafür entschieden, den Donau Strategy Point in Brüssel aufzugeben. Dieses Büro war federführend für die Vernetzung der Donauländer und wurde als wichtiger Ansprechpartner für die unzähligen Partner eingerichtet. Außerdem war es das erste mal, dass das Land Baden-Württemberg die führende Rolle in einem internationalen Projekt gespielt hat. Warum die Landesregierung entschieden hat den Strategy Point aufzugeben und ob er in irgendeiner Weise ersetzt wird ist eine der Fragen, die wir definitiv mit nach Stuttgart nehmen. Daneben haben uns Gorazd und Nina viele verschiedene Projekte des CEP vorgestellt, zum Beispiel zu den Themen nachhaltige Entwicklung oder auch der Innen- und Sicherheitspolitik. Auf jeden Fall ein spannender erster Termin, denn das CEP ist absolut einzigartig im ganzen Donauraum und steht an der Schnittstelle zwischen staatlicher Institution und NGO. Dadurch ist der Kontakt zu Regierungsstellen und Behörden sehr gut aber Diskussionen können trotzdem mit einer großen Offenheit geführt werden, da das CEP doch weitestgehend unabhängig agiert. Ein erster wichtiger Partner auf der Reise ist also gefunden und nach dem obligatorischen Foto-Termin gehen wir, in Begleitung von Nina zum nächsten Termin beim RCERO Waste and Recycling Management Centre. Nach dem Schloss Jablje ist das natürlich ein ganz schönes Kontrastprogramm. Das RCERO ist aber nicht einfach ein normales Müllheizkraftwerk sondern modellhaft für das Thema Recycling. Von Igor Petek erfahren wir, dass über 95% allen angelieferten Mülls tatsächlich wiederverwendet werden. Zum Vergleich: die Deutsche Gesellschaft für Abfallwirtschaft schätzt, dass in Deutschland höchstens 40% des Mülls recycelt werden. In einer Gesellschaft, die immer mehr Müll produziert, ist die Frage der nutzbringenden Verwertung von diesen Abfällen elementar für den Schutz und Erhalt unserer Umwelt. Außerdem durfte ich den Müllkran bedienen und allein das war schon die Reise wert.

Bei Temperaturen von deutlich über 30 Grad ist so ein Besuch in einem Waste and Recycling Centre nicht unbedingt das Nr. 1 Reiseziel der Wahl. Deshalb geht es nach dem Termin erstmal in unser Hotel zum frischmachen und umziehen. Passt in dem Fall aber gut, denn wir sind nicht ins irgendeinem Hotel sondern im Hotel Park. Motto: “Urban and Green”. Klingt gut? Ist es auch! Am Nachmittag treffen wir uns dort nämlich mit dem Marketing-Chef des Hotels, Enej Vitrih, der uns das Konzept des einzigen “Grünen” Hotels in Ljubljana erläutert. Das Gebäude ist ein typischer 70er Jahre Bau sozialistischer Prägung. Hieraus ein grünes und urbanes Hotel zu machen erfordert Geduld und viele kleine Schritte, und die geht das Team vom Hotel Park konsequent. Von der Erneuerung der Elektrik, über LED-Lampen, bis zu unserem Highlight: Den Bienenstöcken auf dem Dach des 12 stöckigen Gebäudes. Überhaupt ist Slowenien ein Bienenverrücktes Land. Ganze 90.000 Imker zählt der 2 Millionen Staat. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 130.000 bei über 80 Millionen Einwohnern. Also ein Beispiel das Hoffnung gibt und uns voller Motivation zum nächsten Stop der Donaureise schickt: Bulgarien! Genauer gesagt Plovdiv, denn dort findet das Creative Danube Jugendcamp vom Netzwerk für Zivilgesellschaft statt. Nach diesem Auftakt der Reise steigen wir auf jeden Fall sehr optimistisch in den Zug ein.

Fazit des Tages: Mensch kann auch mit Müll Spaß haben!

 

Tag 3 – 31.07.2018
Ljubljana – Belgrad – Sofia – Plovdiv

 

Genauer gesagt: in den Nachtzug der uns von Slowenien in die serbische Hauptstadt Belgrad bringen soll, wo wir in den Zug nach Sofia umsteigen. Der Plan schien gut, jedoch verliert das Zug-Abenteuer durch Osteuropa recht schnell an Reiz bei gefühlten 50 Grad Celsius, ohne Klimaanlage und ohne Möglichkeiten Getränke oder Nahrung im Zug zu kaufen. Dann noch mehrfach geweckt zu werden wegen der Passkontrolle beim Grenzübertritt aus Slowenien und nach Serbien lässt einen mal wieder mit ehrlichem Enthusiasmus an das Projekt der offenen Grenzen denken. Die Vorteile der EU und des Schengen-Raums werden deutlich spürbar. Nach einer unbequemen Nacht kommen wir aber trotzdem wohlbehalten und beinahe pünktlich in Belgrad an. Hier offenbart sich allerdings ein kleines Problem. Unser Zug nach Sofia hält zwar in Belgrad, aber nicht an dem Bahnhof an dem wir uns befinden. Wir sind am neuen Bahnhof Beograd Central. Seit 1972 wurde die Schieneninfrastruktur der serbischen Hauptstadt nämlich umgebaut um Engpässe zu beenden. Dabei wurde auch dieser Bahnhof neu gebaut und ist seit Juli 2018 auch offiziell der Hauptbahnhof der Stadt. Problem: Er ist noch nicht fertig und unser nächster Zug hält dort nicht! Also Koffer geschnappt und durch den, noch nicht barrierefreien, neuen Bahnhof zum Taxistand. Nach kurzer Fahrt sind wir schließlich am richtigen Halt und haben noch genügend Zeit um uns im Bahnhofsrestaurant zu stärken und Vorräte aufzufüllen. Vor uns liegt nämlich die, planmäßig, längste Zugfahrt auf der Donaureise. Ganze 11 Stunden sind veranschlagt. Aber so eine Zugfahrt ist ja eine gute Gelegenheit anfallende Arbeit zu erledigen. Leider ist das Konzentrationslevel nicht durchgängig auf dem Spitzenniveau, dass wir von uns selbst gewohnt sind. Denn auch dieser Zug hat, wenig überraschend, keine Klimaanlage und kein Bord-Bistro. Doch Not macht erfinderisch. Dank diverser, Wasser- und Windbasierter Cooling Solutions, werden die immer heißer werdenden Mittagsstunden zwar nicht direkt angenehm aber erträglich. Durch die beschlagenen Fenster entsteht zumindest der Eindruck, man wäre umgeben von kühlem Nass. Man sieht dadurch zwar nichts von der, sicherlich wunderschönen, Landschaft Serbiens, aber immerhin haben wir oft genug Gelegenheit, uns Zeit zu nehmen für den, nicht sichtbaren, Ausblick. Der Zug hält nämlich im Schnitt alle 5 Minuten auf offener Strecke. Die Erklärung der angekündigten 11 Stunden für knapp 400 Kilometer ist gefunden. Warum diese Halte da sind, erschließt sich von unseren Plätzen aus nicht aber sowohl unser Vertrauen, als auch das der restlichen, Schweißtropfenden, Passagiere, in die serbische Eisenbahn ist unerschütterlich (und vor allem Alternativlos). Also Augen, und ab einem gewissen Zeitpunkt auch Nasen, zu und durch. Lichtblick am Horizont sind die Flasche Wein vom Bahnhofsrestaurant in Belgrad und diverse Kinder-Geburtstags-Party-Spiele. Und egal wie, es gibt keinen Grund für schlechte Laube. Schließlich gilt auch für die unkomfortabelste Zugfahrt dasselbe, wie für die Alleinherrschaft der CSU in Bayern: sie geht vorbei! Mit 2 Stunden Verspätung und nach insgesamt 26 Stunden Anreise, sind wir in Sofia angekommen und werden abgeholt von Russi. Einem Mitarbeiter der bulgarischen Niederlassung der Esslinger Stiftung Agapedia. Ein überaus netter und witziger Zeitgenosse, der noch dazu ausgeharrt hat bis unser verspäteter Zug doch noch kam. Und mit ihm wartete auch Sabine Geller, Journalistin und Gründerin des Magazins „Danube Connect“, mit der wir im Auto ein interessantes Gespräch führen dürfen zur Frage, wie der Donauraum besser in den sozialen Medien vermarktet werden kann.

Dank Russi kommen wir, erschöpft und erleichtert zugleich, im Hotel Berkut zum Creative Danube Jugendcamp an. Hier werden wir die nächsten 2 Tage verbringen und genießen es schon jetzt die Klimatisierten Zimmer und vor allem die Duschen!

Fazit des Tages: Thank you for travelling with… ach egal!

 

Tag 4 – 01.08.2018
Plovdiv

 

Creative Danube. Toller Titel! Aber worum geht es? Im Endeffekt handelt es sich hier um ein Jugendcamp für Menschen aus dem ganzen Donauraum (wobei der Begriff „Jugend“ durchaus großzügig ausgelegt werden darf), um sich zu vernetzen, zu diskutieren und um Lösungen für die Herausforderungen der Makroregion in der Zukunft der EU auszutüfteln. Organisiert wird die Woche vom Netzwerk für Zivilgesellschaft gemeinsam mit vielen Kooperationspartnern wie zum Beispiel Agapedia, der BW Stiftung oder dem Social NGO Network.

Der Tagungsort ist wunderschön gelegen und das Wetter hochsommerlich. Entsprechend gelöst ist die Stimmung als wir von Stefan Barth, Geschäftsführer von Agapedia, begrüßt werden. Nachdem der Name nun mehrmals fiel, tut vermutlich Aufklärung Not. Agapedia ist eine, von Jürgen Klinsmann (für alle die es nicht wissen: ein gebürtiger Göppinger!), gegründete Stiftung die sich seit Jahren in der Kinder- und Jugendarbeit engagiert. Besonders der Donauraum hat sich hier als Schwerpunkt der Arbeit etabliert und unser intensiver Kontakt mit Stefan im Vorfeld der Reiseplanung hat uns so manch spannende Ansprechpartner verschafft. An dieser Stelle also schon mal vielen Dank an Stefan, Irina, Ivan, Russi und das ganze Team von Agapedia in Deutschland und Bulgarien! Nach der Begrüßung geht es in die Workshopphase, in der zwischen 2 verschiedenen Themen gewählt werden kann. Wir entscheiden uns für den Workshop zum Thema „Fake News: How to survive in the Ocean of informations“ von Kateryna Poliakova vom Bildungsnetzwerk Magdeburg. Diese erklärt den teilnehmenden den Unterschied zwischen Information und Propaganda und wie wir dadurch manipuliert werden. Spannendes Thema, dass uns zu dem Appell bringt: informiert euch nicht dort wo es am einfachsten oder eurer Meinung am nächsten ist, sondern dort wo recherchiert und faktenbasiert berichtet wird!

Als der Workshop endet schnappen sich Vicky und Anja den Laptop um zu arbeiten und Alex schaut noch in den letzten paar Minuten des zweiten Workshops vorbei. Dort bekommt er auch gleich eine Aufgabe gestellt: mache PR für die EU. Regeln gibt es keine. Die Aufgabe kann mit der Präsentation für eine ausgeklügelte Marketingkampagne gelöst werden oder auch nur mit der Vorstellung einer unausgereiften Idee. Was zählt ist Kreativität! Für die Aufgabe werden Gruppen nach Ländern gebildet. In unserer Gruppe sind Stefan, Sabine und Matthias Holzner. Matthias ist uns ebenfalls eine große Unterstützung für die Reise gewesen. Er arbeitet im Baden-Württembergischen Staatsministerium und ist dort für die Donauraumstrategie zuständig. Außerdem hat Matthias in einigen Wochen einen Termin im auswärtigen Amt in Berlin auf dem er die Strategie vorstellen soll. Wir können ihm mit unserer Gruppenarbeit also vielleicht einen kleinen Gefallen tun. Das Ziel unserer Kampagne ist schnell identifiziert. Wir wollen den Donauraum als europäische Makroregion ins Bewusstsein der Menschen in Deutschland bringen. Kaum einer kennt die Strategie für den Donauraum und niemand kann sich etwas darunter vorstellen. Deshalb müssen wir das Thema nicht nur sachlich und nüchtern erklären, sondern die Menschen auch emotional erreichen. Die Plattform ist auch schnell gefunden: nicht klassische Flyer oder ähnliches, sondern Social Media muss es sein. Fehlt noch der Inhalt. Nach einigem Braingestorme ist uns vor allem eine Frage im Kopf geblieben: warum engagieren wir uns überhaupt im Donauraum? Wir haben alle die unterschiedlichsten Erfahrungen in dieser Region gemacht und trotzdem eint uns, dass wir gerne hier sind wegen der Menschen die wir hier kennengelernt haben und kennenlernen. Menschen die so unterschiedlich sind wie es nur geht, die aus verschiedenen Ländern und Kulturen kommen aber alle auf ihre Art großartig und bereichernd für uns sind. Na wenn das keine Emotion ist! Der Titel und die Struktur ist schnell gefunden und wird von uns am Nachmittag, unter sehr guten Reaktionen, vor allen teilnehmenden vorgestellt. Ab sofort werden wir auf der Reise immer wieder Bilder posten von uns, mit Menschen die uns beeindruckt haben, die uns geholfen haben oder die einfach nur coole Sachen machen. Diese Leute stellen wir vor und geben so diesem, eher abstrakten, Donauraum gleich viele Gesichter. Das alles steht unter der Überschrift #DanubeFriendships denn das ist es schließlich was die Völkerverständigung lohnend macht: Freundschaften die unser ganzes Leben prägen. Ok, liest sich jetzt etwas pathetisch aber ist ganz ernst gemeint. Wenn ihr im Donauraum unterwegs seid und tolle Menschen trefft, dann macht mit und teilt eure Erfahrung mit der Welt! Aber natürlich, waren auch die anderen Gruppen mehr als fleißig.
Während eine weitere deutsche Gruppe die Idee hat einen europäischen Bürgerhaushalt einzuführen, nach Vorbild des Stuttgarter Bürgerhaushalts, versucht die serbische Gruppe mit einer Video-Kampagne bei jungen Menschen für den Beitritt Serbiens zur EU zu werben. Bei der Kampagne der moldawischen Gruppe ist vor allem der Titel ein Eyecatcher: „EU=UE“, in Moldawien wird die EU nämlich mit UE abgekürzt und EU bedeutet in der Landessprache „ich“ (Alex liebt Wortspiele). Besonders viel Spaß haben wir mit einem der bulgarischen Teams, die einen eigenen Rap-Song geschrieben haben und performen in dem die die Vorteile der EU-Mitgliedschaft rüberbringen. Bisher wird das Camp seinem Titel „Creative Danube“ also mehr als gerecht! Und passend zu den vielen guten Ideen, erklärt uns Sabine in einem weiteren Workshop, wie wir die sozialen Medien am besten nutzen um unsere Anliegen am besten zu verbreiten.

Neben den offiziellen Programmpunkten kommen wir natürlich auch am Rande des Camps mit vielen Menschen ins Gespräch. Zum Beispiel mit Ecaterina Mardarovici. Ecaterina War früher Abgeordnete im moldawischen Parlament und leitet heute das Agapedia-Büro in der moldawischen Hauptstadt Chisinau (welches wir auf der Reise auch noch besuchen wollen). Ein wichtiges anliegen ist Ecaterina die Frauenpolitik. Sie gehört zum Club 50/50, einer Vereinigung moldawischen Frauen, die 50% der Macht im Land für Frauen fordern. Als wir ihr von den deutschen Grünen berichten, und dass die sogar eine 50+ Quote haben, ist Ecaterina jedenfalls ziemlich begeistert und wir versprechen, uns auch mit der Frauenvereinigung zu treffen wenn wir in Chisinau sind.

Am Abend steht dann Kultur auf dem Programm. Plovdiv ist nämlich nicht nur eine der ältesten Städte in Europa, sondern 2019 auch Kulturhauptstadt Europas. An diesem Abend sind, in Vorbereitung auf das kommende Jahr, deshalb Volkstänze verschiedenster Länder im Amphitheater geplant. Eigentlich eine einmalige Gelegenheit und manche mögen uns nun verurteilen und Banausen schimpfen, jedoch halten uns schwüle 35 Grad und ein aufziehendes Gewitter doch lieber im Hotel. Das hat nämlich einen Pool der, im Vergleich mit 2 Stunden Volkstänzen im (natürlich nicht überdachten) Amphitheater, doch gar zu reizvoll für uns schwache Geister ist. Die Götter Osteuropäischer Folklore mögen unserer armen Seelen gnädig sein, doch wir sind auch nur Menschen! Wir denken dafür darüber nach die Schande zu tilgen, indem wir im nächsten Jahr die Kulturhauptstadt besuchen. Währenddessen genießen wir die Ruhe und das kühle Nass. Morgen steht ein Programm an, welches sicher nicht so leicht zu verdauen ist.

Fazit des Tages: #DanubeFriendships

 

Tag 5 – 02.08.2018
Plovdiv – Sofia

 

Der heutige Tag ist von der Programmdichte her eher entspannt, allerdings haben wir heute einen der, vermutlich, eindrucksvollsten Termine geplant. Der Besuch der größten Roma-Siedlung Europas in Plovdiv. Nach dem Frühstück und einem kurzen Input fahren wir mit einer größeren Gruppe los. Der erste Halt ist ein riesiges Büro-Gebäude im typischen Spätkommunistischen Stil. Dort treffen wir Renata Veneva, die hier eine Einrichtung für Roma-Frauen betreut. Diese lernen hier zu nähen und bekommen Unterstützung um nach ihrer Ausbildung einen Job zu finden. Außerdem gibt es Beratung und Schulungen in den unterschiedlichsten Bereichen. Eine gute Sache, aber natürlich nur ein kleiner Baustein um der Roma-Bevölkerung in Bulgarien unter die Arme zu greifen. Das ganze Ausmaß der Armut hier wird uns so richtig deutlich als wir die eigentliche Roma-Siedlung durchqueren. Müllberge auf den Straßen, zerfallene Ruinen, freilaufende Hunde. Viele hatten vielleicht ein Bild, oder eher ein Klischee, von Osteuropa im Kopf. Diese Klischees sind auch beinahe überall inzwischen von der Realität und der Moderne überholt worden. Im Roma-Viertel von Plovdiv aber nicht. Natürlich wollen wir keinen „Armutstourismus“ betreiben, deshalb wurden hier auch keine Fotos gemacht, aber für uns war es wichtig einen Eindruck zu bekommen von den Lebensrealitäten der Roma in Osteuropa. Die Roma und die Sinti sind Minderheitsgruppen die immer noch in weiten Teilen der EU diskriminiert und in manchen teilen der EU Ghettoisiert werden. Die Grünen setzen sich schon immer für den Schutz von Minderheiten ein und nach diesem Termin ist nochmal jedem präsent warum. Die Gelegenheit möchten wir übrigens nutzen, um Romeo Franz zu gratulieren, der für die deutschen Grünen vor kurzem ins Europaparlament nachgerückt ist und damit der erste Abgeordnete mit Roma-Abstammung in der Geschichte des EU-Parlaments ist. Viel Erfolg bei deiner Arbeit lieber Romeo, es gibt genügend zu tun!

Nach diesem beeindruckenden Termin heißt es für uns Abschied nehmen vom Creative Danube und von Plovdiv. Die kurze Zeit hier war eine echte Freude. Zum einen konnten wir in einer sehr entspannten Atmosphäre, viel Neues lernen und neue Netzwerke knüpfen, und zum anderen fühlen wir uns jetzt überaus motiviert bei dem Anblick so vieler, vor allem auch junger, Menschen die ihre Freizeit opfern für die europäische Idee. Danke für alles!

Nach dem obligatorischen Gruppenfoto bzw. Alex´obligatorischem Gruppenselfie, brechen wir auf in Richtung der Stadt, in der etwa jeder sechste Bulgare lebt: Sofia!

Unsere Unterkunft im Stadtzentrum ist schnell bezogen und nachdem die wichtigsten Mail beantwortet sind lassen wir den Tag ausklingen in einem ganz hervorragenden Laden namens „Art Club Museum“. Falls ihr mal nach Sofia geht, und das ist sehr zu empfehlen, dann genießt dort den Abend mit dem besten Long Island Ice Tea der Welt! Zum Glück ist der erste Termin morgen erst um 11 Uhr. Darauf ein kräftiges Nasdrvave!

Fazit des Tages: Wer Minderheiten nicht schützt hat Europa nicht verstanden!

 

Tag 6 – 03.08.2018
Sofia

 

Die ärmsten Regionen Europas liegen in Bulgarien. Es wundert also nicht, dass der Natur- und Umweltschutz nicht immer die wichtigste Rolle spielt in öffentlichen Debatten in Bulgarien. Trotzdem gibt es hier einige aktive Gruppen, die sich den Erhalt der Umwelt auf die Fahnen geschrieben haben. Zu den aktivsten gehört der WWF Bulgaria. Raina Popova, Iain Jackson und einige Kolleginnen und Kollegen vom WWF haben sich extra für uns Zeit genommen um über die Themen zu sprechen die aktuell in Bulgarien anliegen. Das erste Thema ist dabei auch das größte. Der Pirin Nationalpark, ein UNESCO-Weltkulturerbe! Dieser besteht aus einem der ältesten Wälder Europas, sowie aus Gewässern und Gebirge. Das Problem: In der Nähe liegt ein Ski-Gebiet, dass auf weite Teile des Nationalparks ausgeweitet werden soll. Artenvielfalt, Naturschutz und anderes spielt in der Planung keine Rolle. HIergegen steht der WWF schon seit Jahren auf den Hinterbeinen und versucht immer wieder Menschen aus ganz Europa von der Wichtigkeit des Erhalts von Pirin zu überzeugen. Die EU-Kommission hat sich bisher allerdings immer auf die Seite der bulgarischen Regierung geschlagen, denen die Umwelt herzlich egal ist. Hier gilt es noch Aufklärungsarbeit zu leisten! Unter dem Hashtag #savepirin findet ihr übrigens alle möglichen Infos zum Pirin Nationalpark und der Kampagne für deren Erhalt. Wir versprechen, Pirin nicht zu vergessen sondern, auch in Baden-Württemberg, für die Sache der Umweltaktivist*innen zu werben. Doch es gab auch noch einige andere Gesprächsthemen. Zum Beispiel den Persina Nature Park. Der ist auf der größten Insel in der Donau und der einzige Nationalpark direkt an der Donau. Vor einem Monat wurde ein Plan vorgelegt auf der Insel ein neues Atomkraftwerk zu bauen. Der WWF würde hier sehr gerne eine große Kampagne gegen die Pläne starten, aber die Presse in Bulgarien ist für kritische Berichterstattung doch zu nah an der Regierung dran – Im internationalen Pressefreiheitsindex belegt Bulgarien Platz 111 von 180 und hat damit die schlechteste Platzierung aller EU-Staaten – was es natürlich schwierig bis unmöglich macht die Aufmerksamkeit großer Teile der Bevölkerung zu erringen. Auch der Zustand der Zivilgesellschaft, nur 2% aller Bulgaren sind Mitglieder in irgendwelchen Vereinen oder NGOs, und das Korruptionsproblem in Behörden und Politik werden angesprochen. Überhaupt war es ein sehr offener Austausch in dem wir sehr viel gelernt haben über die Art und Weise wie manche Dinge in Bulgarien laufen. Einen besseren Überblick hätten wir wohl kaum bekommen können. Vielen Dank dafür!

Die vielen Themen und Eindrücke vom Termin bei WWF Bulgaria wollen natürlich erstmal verarbeitet werden, weshalb wir uns noch ein bisschen Zeit eingeplant haben bis zum nächsten Termin. Einer Stadtführung durch Sofia. Aha, werden manche jetzt womöglich sagen, wusst ich doch! Der Maier, der faule Hund, macht da doch nur Urlaub! Ganz so ist es natürlich nicht. Vielmehr besuchen wir eine ganz besondere Stadtführung. Bereits seit rund 3 Jahren bieten Studierende der Uni Sofia zwei mal am Tag Stadtführungen an. Auf Englisch. Kostenlos. 365 Tage im Jahr! Also ein unterstützenswertes Projekt aus unserer Sicht, denn hier vermitteln Studierende niederschwellig, und nebenbei noch unterhaltsam, Kultur und Geschichte dieser altehrwürdigen Stadt. Und von der Römerzeit, über die Ottomanen, bis zum bulgarischen Königreich hat Sofia eine wirklich reichhaltige Historie. Wir genießen auf jeden Fall den Rundgang (jeden Tag um 11 Uhr und um 18 Uhr vor dem Justizpalast, keine Anmeldung erforderlich) und gehen frisch informiert zu unserem letzten Termin in Sofia. Einem Abendessen mit Mitgliedern der bulgarischen Grünen. Tzaritza, Vladislav und Georgi (den wir schon am Vormittag bei WWF kennenlernen durften), haben viele Fragen an uns und die Grünen in Baden-Württemberg. Zum Beispiel, wie wir es geschafft haben als Grüne mit der Wirtschaft im Ländle auszukommen oder wie es ist, mit der CDU zu regieren. Im Gegenzug geben die drei uns einen Einblick in die politische Landschaft Bulgariens, in der die Grünen bis jetzt noch keine große Rolle spielen. Sie sind leider im Moment nicht mal im Parlament. Das kann sich aber schnell ändern, denn Grün-Affine Themen gibt es genügend (siehe oben) und in Sofia selbst hat man bei der letzten Wahl tatsächlich schon 15% erreicht. Wir machen auf jeden Fall aus, dass wir uns wieder treffen wenn wir das nächste mal in Sofia sind (was schon im Oktober der Fall sein wird, zum Danube Annual Forum) und definitiv in Kontakt bleiben. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man merkt, dass man mit seiner politischen Einstellung nicht allein ist und nicht regional oder national begrenzt, sondern Teil einer Internationalen Bewegung. Das macht Mut!

Wenn es nach uns ginge, hätte der Abend noch eine Weile dauern können, aber morgen früh geht es wieder weg aus Sofia in die bulgarisch-rumänische Grenzstadt Russe, in der wir tatsächlich zum ersten Mal auf der Reise die Donau zu Gesicht bekommen. Mensch darf gespannt sein!

Fazit des Tages: Grün ist überall!

 

Tag 7 – 04.08.2018
Sofia – Russe

 

Bevor wir Russe erreichen haben wir natürlich noch eine Zugfahrt vor uns. Wir haben uns entschieden einen früheren Zug am Morgen zu nehmen um am Nachmittag erstmal ohne Termindruck in der Donaustadt anzukommen und eventuell noch ein bisschen zu entspannen. Auf den ersten Blick ist das eine dumme Idee, denn der frühere Zug ist gerammelt voll. Während Vicky einen Sitzplatz in einem Abteil ergattern kann, sitzen bzw. stehen Anja und ich im Gang, zwischen WC und Durchgang zum nächsten Waggon. Die Befürchtung, für die nächsten 6 Stunden stehen zu müssen, erweist sich allerdings als unbegründet, da nach und nach mehrere Fahrgäste aussteigen und so Plätze frei werden. Am Ende haben wir sogar ein ganzes Abteil für uns. Noch dazu, sind alle wichtigen Arbeiten bereits weitestgehend erledigt, weshalb wir sehr entspannt, und einige Stunden vor dem ersten Termin, in Russe ankommen. Auf den zweiten Blick war der frühere Zug also doch nicht so dumm. Möge es uns eine Lektion sein, wenn wir das nächste mal an etwas nörgeln wollen. Nach dem Check-In im Hotel geht es endlich an die Donau. Kaum zu glauben eigentlich, dass wir nach einer Woche Donauraumreise hier zum ersten mal auch wirklich den Fluss sehen um den es geht. Dafür ist dies hier aber auch eine der breitesten Stellen der Donau und die Brücke zwischen dem bulgarischen Russe und dem rumänischen Giurgiu ist eine von nur 2 Brücken in Bulgarien die über die Donau gehen. Nach einer kleinen Fotosession am Ufer geht es wieder zurück Ins Stadtzentrum zu einem Treffen mit Maria Tzankova, Executive Director bei der Association of Danube River Municipalities (ADRM), einem Zusammenschluss von 34 bulgarischen Gemeinden an der Donau. Ziel der Organisation ist die Stärkung des Donauraum, zum Beispiel im Bereich Tourismus. Eine der Ideen um die Region attraktiver zu machen ist der Ausbau des Donauradweges von der Quelle in Donaueschingen bis ans Schwarze Meer. Den EuroVelo 6 kann man zwar schon heute befahren aber der Streckenteil in Bulgarien ist weder gut beschildert, noch sind die Wege wirklich für das Fahrrad geeignet. Ein wirklicher Radschnellweg vom Atlantik bis ans Schwarze Meer wäre ein mehr als attraktives Ziel für Touristen, die ihre Strecke auf ökologische, und gesunde, Weise hinter sich bringen wollen. Beim gemütlichen Essen, und dem einen oder anderen Glas bulgarischen Weins, sprechen wir außerdem über alle möglichen europäischen Themen. Vom Brexit, Maria hat lange in Großbritannien gelebt, bis hin zu Kooperationen bulgarischer und baden-württembergischer Gemeinden. Am Ende war es also ein sehr angenehmer und interessanter Austausch, den wir hoffentlich bald wiederholen können. Ausklingen lassen wir den Abend auf dem Hotelbalkon, mit Blick auf den wunderschönen Rathausplatz inklusive der Freiheitsstatue die, der Name lässt es erahnen, der „Lady Liberty“ in New York nachempfunden ist. Ein vielversprechender Auftakt für den Halt in Ruse.

Fazit des Tages: Über eine Brücke musst du gehen, oder neue bauen!

 

Tag 8 – 05.08.2018
Russe – Bukarest

 

Ich bin ein bisschen aufgeregt! Heute besuchen wir die Angel-Kantschew-Universität in Russe. Da ich, im Gegensatz zu Anja und Vicky, nie studiert habe ist es für mich immer etwas besonderes, wenn ich doch mal eine Uni von innen sehe. Bevor es so weit ist, gibt es aber noch eine kleine Stadtführung von Emiliya Velikova, Professorin für Mathematik und Dekanin der Naturwissenschaftlichen Fakultät, außerdem die Beauftragte der Uni für die internationale Zusammenarbeit. So lernen wir Russe nochmal sehr gut kennen und stellen fest, dass die Stadt zu recht den Spitznamen „Klein-Wien“ trägt und abgesehen davon eines der kulturellen Zentren Bulgariens ist. Mit Oper, Theatern und Museen ist Russe jedenfalls reicht beschenkt. Schließlich kommen wir aber am Universitätsgebäude an. Dort gesellt sich noch Professor Peter Sigalov zu uns der, als Student in Dresden und langjähriger Einwohner Bayerns, sehr gut Deutsch spricht und mit dem wir uns den einen oder anderen Disput über die Politik der CSU erlauben. Nach einem Rundgang durch die menschenleere Universität stellt Emiliya uns das Programm und die Angebote der renommierten Uni vor. Dabei lernen wir, dass in Russe, trotz des technischen Profils, etwa 50 % Frauen studieren. Eine Quote, von der technische Fakultäten in Deutschland meistens nur träumen können. Außerdem wird schnell klar, dass die Universitätsspitze einen außergewöhnlich großen Wert auf die internationale Kooperation legt. Ich habe auch gleich wieder eine Hausaufgaben bekommen, nämlich einen Kontakt zur Hochschule in Göppingen herzustellen. Schließlich ist diese eine der besten technischen Hochschulen in Deutschland! Deutlich wird die Internationale Ausrichtung der Uni auch an einem besonderen Projekt: „Tastes of Danube. Bread Connect“! Das Projekt der Danube Networkers fördert die Völkerverständigung durch das backen von Brot. Klingt seltsam im ersten Moment aber tatsächlich läuft die Aktion bisher sehr erfolgreich. Von Ulm bis Odessa wird das Backen hier als soziales Event, über alle Grenzen hinweg, zelebriert und dabei oft auch ein eher älteres Publikum angesprochen, dass nicht immer leicht zu gewinnen ist. Neben den verschiedenen Rezepten für Brot, lernt man auch einiges über die Kulturen im Donauraum. In Bulgarien ist es anscheinend Tradition, Gästen Brot anzubieten. Der Brauch gefällt uns, vor allem weil das, uns vorgesetzte, Milinka wahnsinnig lecker ist. Der Termin an der Uni ist leider auch schon wieder unser letzter in Russe und nachdem wir uns sehr herzlich von Emiliya verabschiedet haben, geht es weiter nach Rumänien. 3 Stunden dauert die Strecke von 70 Kilometern. Aber nach unseren bisherigen Erfahrungen sitzen wir die Zeit, wie man auf schwäbisch sagt, auf einer Arschbacke ab. In Bukarest angekommen begrüßt uns Monica in unserem Domizil für die nächsten Nächte. Ein sehr hübsches Apartment im Herzen der Stadt und, leider, mit defektem Aufzug. Nach dem Kraftakt des Koffer-nach-oben-Schleifens ist uns deshalb heute eher nach einem ruhigen Abend, an dem ich es endlich mal schaffe unser Reisetagebuch auf die Homepage zu laden und an dem wir uns auf unser Programm in der rumänischen Hauptstadt vorbereiten. Bună ziua România!

Fazit des Tages: Wir backen keine kleinen Brötchen, wir backen Brote!

 

Tag 9 – 06.08.2018

Bukarest

In der rumänischen Hauptstadt jemanden zu finden, der nicht nur Deutsch kann, sondern auch noch aus dem Kreis Göppingen kommt ist gar nicht so leicht. Uns ist es aber gelungen! Jürgen Raizner ist Leiter des Steinbeis-Zentrums Bukarest und kommt aus Deggingen. Dort betreibt er ebenfalls eines dieser Zentren, ebenso wie in Wien und in (Ukraine). Wenn man schon mal in Bukarest Kontakte für den Wahlkreis knüpfen kann, machen wir das natürlich gerne. Treffpunkt ist das „Haus der Donau“, besagte fließt zwar gar nicht durch die Stadt aber die Verbundenheit mit dem Donauraum soll ausgedrückt werden und das gelingt auch. Spätestens beim Rundgang durch die, unglaublich beeindruckende, Villa bemerken wir nämlich die „Ulmer Stube“, deren Wände mit Motiven von der größten Baden-Württembergischen Donaustadt dekoriert sind. Das Gebäude selbst gehört der Familie Bartha, die sich selbst für die Donau-Netzwerke engagiert und ihr Haus hier dem Steinbeis-Zentrum und der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. Noch ein wenig erschlagen von dem Prunk des Gebäudes geht es direkt ins Gespräch mit dem Ehepaar Raizner und Herrn Prof. Alexandra Marin von der Universität Politechnica Bukarest. Herr Raizner startete bereits 1996, also lange bevor es die Donauraumstrategie gab, ein Technologietransfer-Projekt in Rumänien. Ziel ist nicht, gut ausgebildete, junge Menschen ans Ausland zu verlieren, sondern deutsche Firmen nach Rumänien zu bringen und hier mit ihrem Know-How die heimische Wirtschaft voranzubringen. Im Moment ist das aber eher noch ein frommer Wunsch, denn tatsächlich wandern die meisten rumänischen Student*innen nach dem Bachelor ins Ausland für den Master oder Doktor. Das bestätigt zumindest Prof. Marin. Er selbst würde sich auch wünschen, dass die Forschung in Rumänien mehr auf die Bedürfnisse der Wirtschaft zugeschnitten werden. An dieser Stelle muss ich aber betonen, dass das nicht meine persönliche Meinung ist. Wissenschaft sollte in erster Linie frei sein und unabhängig von Vorgaben von Regierungen, Wirtschaftsverbänden oder Unternehmen. Einig sind wir uns allerdings über den erfreulichen Frauenanteil an der technischen Uni in Bukarest. Nach dem Termin, und ähnlich lautenden Berichten, an der Uni Ruse werden wir auch hier nochmal darin bestätigt, dass in Deutschland noch vieles im Argen liegt was die Förderung von Frauen in den MINT-Berufen angeht. Bei uns ist das konservative Rollenverständnis, zumindest in der Arbeitswelt, deutlich stärker ausgeprägt. Auf jeden Fall genügend Gründe für eine spannende Diskussion, die wir damit beenden, dass wir uns mit Herrn Raizner verabredet sobald er wieder in Deggingen ist (und ich wieder in Göppingen). Wir wollen dann weiter besprechen, ob vielleicht auch Unternehmen im Kreis Göppingen Interesse hätten den Blick nach Osteuropa zu richten und zwar nicht um Löhne zu sparen, sondern um eine, für beide Seiten, nützliche Kooperation anzustoßen. Wir werden nach der Reise also wirklich genug zu tun haben aber, so soll es ja auch sein! Den Rest des Tages verbringen wir damit, das wunderschöne Bukarest zu begutachten. Von allen Städten die wir auf der Reise bisher gesehen haben, gefällt uns Bukarest, zwischen Downtown und Old Town, bisher am besten. Die Stadt selbst ist Alt und Prunkvoll aber die Leute sind Jung und Hip und das merkt man am Abend in der Altstadt am besten. Und ich bin Glückselig, dass ich ein schönes kühles Guinness genießen darf, während wir das Treiben im Bukarester Partyviertel beobachten und Vicky und Anja schon mal, präventiv, den Wohnungsmarkt abchecken. Ein Besuch ist also Pflicht, ihr werdet sicher auch begeistert sein!

Fazit des Tages: Bukarest ist viel schöner als Berlin! (Anmerkung von Alex: Aber natürlich nicht schöner als Göppingen)

 

Tag 10 – 07.08.2018

Bukarest – Targoviste

Die erste Hauptstadt Rumäniens war übrigens nicht Bukarest, sondern Targoviste. Dorthin gehen wir heute um uns das dortige Präventionszentrum der rumänischen Polizei anzuschauen. Abgeholt werden wir von Christian Chokan, dem Leiter des Nationalen Instituts für Kriminalitätsprävention, der uns begleitet und erste Fragen auf der Fahrt beantwortet. So erfahren wir, dass es das Zentrum bereits seit 28 Jahren gibt und der Schwerpunkt zu Beginn eigentlich nur auf der Kriminalitätsbekämpfung lag und sich erst später in Richtung Prävention verschoben hat. Insgesamt gibt es 6 solcher Präventionszentren in Rumänen, von denen jedes ein Schwerpunkt-Thema hat. Das Zentrum das wir besuchen beschäftigt sich vor allem mit Verkehrssicherheit (wer Bukarest in der Rush Hour erlebt hat begreift die Notwendigkeit) sowie Streitigkeiten mit Gewalteinsatz, also auch häusliche Gewalt. Bei Ankunft in Targoviste kommen noch die Mitarbeiter*innen des Zentrums dazu und präsentieren ihre Arbeit. Durch viel Präsenz und verstärktes Marketing soll die Präventionsarbeit bekannt gemacht werden. Schließlich bietet das Zentrum in Targoviste auch Schulungen und Beratungen an, die alle Menschen nutzen können. Auch das Drogenpräventionszentrum befindet sich unter demselben Dach, Angebote gibt es also. Im Gespräch wird deutlich, dass die organisierte Kriminalität zu einem wachsenden Problem in Rumänien wird ebenso wie (wie überall auf der Welt) die Cyberkriminalität. Hier wird mehr internationale Kooperation gewünscht um sich auszutauschen und bessere Konzepte zu entwickeln, denn naturgemäß kennt die Kriminalität im Internet keine Ländergrenzen. Interessant war auch die Frage des Umgangs mit den Roma im Land. Tatsächlich gibt es bei der Polizei eine Roma-Quote, die aber nicht erfüllt wird, da es kaum Bewerber*innen gibt. Hier versucht die Polizei gegenzusteuern durch verstärkte Präsenz und Information in den Roma-Communities. Interessant fanden wir in dem Zusammenhang auch, dass die rumänische Polizei in ihren Statistiken keine Angaben zu Nationalität, Religion oder Ethnie von Straftäter*innen macht. Etwas, dass wir uns für Deutschland auch nur wünschen können, denn diese Information spielt im Ergebnis so gut wie nie eine Rolle.

Nach dem Gespräch im Präventionszentrum geht die Targoviste-Tour weiter, wir werden nämlich durch das nationale Polizeimuseum geführt welches ebenfalls hier steht. Ein interessanter Einblick in die Geschichte und besonders auffällig ist, dass bereits zu Beginn der 80er Jahre der allgemeine Polizeidienst für Frauen geöffnet wurde. In Deutschland war das Ländersache und somit z.B. in Bayern erst ab 1990 erlaubt. Nach einem kurzen Eintrag ins Gästebuch des Museums schauen wir uns den Kern des historischen Targoviste an. Hier wurden rumänische Fürsten gekrönt und lange war die Stadt kulturelles Zentrum des Landes. Ein Name begegnet uns dabei besonders oft: Vlad Tepes oder auch Vlad III. Draculea. Die Geschichtsinteressierten kennen diesen Namen natürlich, und sei es auch nur wegen seiner Verarbeitung in der Literatur. Vlad „der Pfähler“ soll nämlich das Vorbild gewesen sein für den Vampir Dracula. Das wundert auch nicht wenn man ein paar Geschichten über ihn hört. So soll Vlad zum Beispiel die Gegend um seine Hauptstadt Targoviste mit einem „Wald“ aus 20.000 gepfählten Feinden verziert haben um die anrückenden Türken (mit Erfolg) zu verschrecken. Während die Westeuropäische Geschichtsschreibung ihn deshalb in einem negativen Licht betrachtet, wird er in Rumänien bis heute als tapferer Feldherr und gerechter Herrscher verehrt. Egal wie, man darf froh sein, dass diese Zeit bereits einige Jahrhunderte zurückliegt. Nach dem kleinen Rundgang durch die Überreste der ehemaligen Fürstenresidenz geht es in die hübsche Innenstadt zu einem rumänischen Imbiss. Ich kann nicht genau sagen was es war, aber es hat sehr lecker geschmeckt. Wenn ihr in Rumänien seid, dann versucht euch einfach durch die Karte, irgendwas wird dabei sein. Während des Essens erfahren wir noch einiges über die Haltung der Rumänen zur NATO. Auf dem Weg nach Targoviste fiel uns nämlich auf, dass die Flagge der NATO, neben der rumänischen und europäischen, erstaunlich oft gehisst wird. Ein Phänomen, dass wir in der Form noch in keinem anderen Land gesehen haben. Das einzige mal, dass ich bewusst eine NATO-Flagge habe hängen sehen, war vor dem Hauptquartier in Brüssel. Erklärt wird uns das mit der besonderen Bedeutung der NATO für die Sicherheit Rumäniens, vor allem vor Russland. Diese hat sich in den letzten Jahren, unter anderem durch die Annexion der Krim, noch mal gesteigert. Aus deutscher Sicht mag das schwer zu begreifen sein, aber tatsächlich ist hier, am östlichen Rand der EU, die Angst vor einem Krieg sehr gegenwärtig. Eine mehr als beunruhigende Vorstellung in einer Welt, die politisch in den letzten Jahren immer instabiler geworden ist.

Schließlich verabschieden wir uns von unseren Gastgeber*innen und von der schönen Stadt Targoviste und brechen wieder auf nach Bukarest um unsere letzte Nacht dort zu verbringen.

 

Tag 11 – 08.08.2018

Bukarest – Comana – Chisinau

Und wieder werden wir abgeholt, denn wieder haben wir einen Termin ausserhalb von Bukarest. Nämlich ca. 40 Kilometer südlich im Comana Nature Park. Der Direktor des Parks, Valentin Grigore, erzählt uns auf der Fahrt von dem Park in dem er seit dessen Gründung im Jahr 2006 arbeitet. National- und Naturparks sind in Rumänien zwar noch relativ neu aber trotzdem ist heute etwa ein viertel des Landes bedeckt von solchen Einrichtungen. Der Comana Nature Park selbst beherbergt, laut Park-Biologin Andra David, etwa ein Drittel aller, in Rumänien vorkommenden, Tierarten. Vor allem für Ornithologen, und solche die es werden wollen, lohnt sich ein Besuch. Das sehen auch knapp 40.000 Menschen so die jährlich den Park genießen. Dazu kommt nochmal die selbe Anzahl an Menschen die auf dem Gebiet des Parks leben. Die Situation mit den Bewohnern ist manchmal ein wenig kompliziert erzählt uns Valentin. Schließlich gelten für viele Dinge in einem Nature Park nochmal verschärfte Regeln, denen sich manch ein langjähriger Anwohner nur ungern beugt. Valentin blickt aber optimistisch in die Zukunft, da zumindest der Kontakt in die Rathäuser bisher gut ist. Abgesehen von den Anwohnern genießt der Park ohnehin einen guten Ruf. Das hängt auch mit dem Marketing zusammen. Valentin ist es zum Beispiel wichtig, dass Produkte die hier produziert wurden auch gekennzeichnet sind als Produkte aus dem Comana Nature Park. Nach seiner Vorstellung gibt es in Zukunft in jedem rumänischen Supermarkt neben dem Bio- und Vegan-Regal ein Nature Park-Regal. Schöne Idee, wenn diese Produkte dann auch, dem Park entsprechend, nachhaltig und umweltschonend produziert wurden. Nach einem Gespräch im Ranger-Büro mit einigen Kolleg*innen von Valentin geht es mitten in den Park, genau genommen auf ein Boot mit dem wir durch das, im Park liegende, Flussdelta schippern. Sonne, Wasser und Enten, was will man mehr? Wir sind jedenfalls schwer begeistert von der Fahrt und den vielen verschiedenen Tier- und Pflanzenarten die uns hier begegnen. Nach dem Fluss geht es weiter in den Wald wo uns erklärt wird, dass einige der ältesten Bäume Rumäniens hier stehen. Als stilechter Grüner Baumkuschler darf ich dann auch eine 240 Jahre alte Eiche umarmen. Mögen die Grünen-Hater ihre Freude daran haben 😉

Nach einem unfreiwilligen Ausflug von Vicky in eine murmelndes Bächlein, haben wir vom Wald erstmal genug gesehen und Valentin zeigt uns zum Abschluss noch eine Art Freilichtmuseum in der rumänische Traditionen gelebt werde und ein Kloster, welches von Vlad Tepes persönlich gestiftet wurde (Bemerkung am Rande: witzige Vorstellung, dass „Dracula“ ein Kloster stiftet). Wir haben heute also Natur und Kultur unter einen Hut gebracht und hatten dadurch einen der, bisher, schönsten Tage unserer Donaureise. Danke dafür an Valentin und sein Team, auch für den Shuttle-Service von Bukarest nach Comana und zurück.

Wieder angekommen in der Hauptstadt treffen wir Sorin Ionita, einen Experten für die Donauraumstrategie und Berater der rumänischen und der moldawischen Regierungen. Ich habe Sorin schon im letzten Jahr kennenlernen dürfen, als er mit einer rumänischen Delegation in Stuttgart war, und freue mich jetzt, den Kontakt wieder aufleben lassen zu können. Sorin ist für uns ein sehr interessanter Gesprächspartner, der auch ganz offen die Probleme, sowohl Rumäniens als auch der EU anspricht und mit uns diskutiert. So schätzt er die Donauraumstrategie als zu kompliziert ein um in Ländern wie Rumänien, aber vor allem auch Moldawien oder der Ukraine, umgesetzt werden zu können. Diese Staaten haben teilweise ganz grundlegende Problem was die Effizienz und Arbeitsweise von Regierung und Behörden angeht. Deshalb plädiert Sorin, wie wir auch, für eine Vereinfachung der Angebote der Donauraumstrategie um die Hemmschwelle zu senken. Außerdem fehlt es laut Sorin an einer richtigen Struktur und jemandem der, ein Stück weit, die Federführung übernimmt. Diese Probleme begegnen uns auf der Reise tatsächlich immer wieder. Die EU sollte hier dringend nachjustieren und etwas eindeutiger werden in ihren Angeboten und Handlungsempfehlungen. Wir versprechen, dass wir diese Wünsche mitnehme und weitertragen, denn die grundsätzlich Idee der EU-Donauraumstrategie ist zu wichtig und gut, um sie durch burökratische Kleingeistigkeit zu gefährden.

Schließlich lassen wir uns noch ein wenig die politische Situation Rumäniens im Detail beschreiben. Vor allem die starken Rechtsextremen Tendenzen sollten uns Sorgen machen. Es gibt zwar keine explizit Rechtsextreme Partei die hier nennenswerte Erfolge hätte, aber die meisten anderen Parteien, insbesondere auch die Sozialdemokraten, sind durchsetzt von Rechtsextremen, die sich auch immer wieder Parteiintern durchsetzen können. Was bei den Sozialdemokraten in Deutschland völlig unvorstellbar ist, scheint in Ost-Europa zumindest nicht ungewöhnlich zu sein. Auf jeden Fall haben wir wieder einiges zum nachdenken auf den Weg mitgegeben bekommen. Dankbar verabschieden wir uns von Sorin und versprechen, uns bald wieder zu sehen. Und schon ist es so weit: wir müssen Bukarest wieder verlassen. Viel zu früh eigentlich für diese tolle Stadt aber es geht nicht anders, denn unser Nachtzug nach Chisinau ist gebucht und wir sind auch mehr als gespannt auf die Hauptstadt der Republik Moldau. Also ab in den Zug und nachdem wir 3 Menschen auf 2 Schlafabteile verteilt haben versuchen wir uns zu akklimatisieren. Gar nicht so einfach in diesem Zug. Der ist nämlich über und über mit Samt und Seide ausgeschlagen bzw. Dekoriert. Das mag zwar nett aussehen, bei über 30 Grad in einem winzigen Abteil verschafft die Ausstattung eher keine Kühlung. Aber egal, wir haben einen Schlafplatz, die vorbeiziehende Landschaft ist wunderschön, das Rattern des Zuges lässt einen doch schnell einschlafen und morgen wachen wir in Chisinau auf also kein Grund zu klagen. Auch die obligatorischen Passkontrollen an der Grenze bekommen wir relativ stressfrei über die Bühne und schließlich erreichen wir das nächste Land auf der Reise: Moldau!

 

Tag 12 – 09.08.2018

Chisinau

Was wissen Sie über Moldau? Ja so ähnlich ging es uns vor der Reise auch. Von all den Ländern die wir auf der Reise besuchen, haben die meisten Deutschen von Moldau wohl das unschärfste Bild. Das Land ist kein Mitglied der EU und auch sonst auf der weltpolitischen Bühne eher unauffällig.Trotzdem haben wir einen der terminreichsten Tage auf der Reise vor uns und natürlich, muss an einem solchen Tag auch ein außerplanmäßiges Problem auftreten. Wobei das Problem in dem Fall ich selbst bin. Ich habe nämlich meinen Reisepass in Deutschland vergessen und nur meinen Personalausweis dabei. Das ist, in den meisten europäischen Ländern, auch kein Problem. Wenn man aber, so wie wir morgen früh, von der Republik Moldau in die Ukraine reisen will, ist es schon eins. Deshalb hat meine Mutter den Pass netterweise per DHL-Einschreiben nach Moldau geschickt so, dass er eigentlich kurz vor uns oder gleichzeitig mit uns bei unserer Gastgeberin Ecaterina (von Agapedie Moldova, ihr erinnert euch vielleicht noch an sie von unserem Besuch in Plovdiv) ankommen sollte. Ist er aber nicht, deshalb versuche ich zwischen den Terminen immer wieder, gemeinsam mit der deutschen Botschaft, eine Lösung zu finden. Doch dazu später noch ein bisschen mehr. Zuerst haben wir im wunderschönen Haus von Agapedia Moldova einen Termin mit dem „Club 50/50“ der sich für Frauenrechte und für die Hälfte der Macht für Frauen einsetzt. Unsere Gastgeberin Ecaterina, eine ehemalige Abgeordnete des moldawischen Parlaments, ist selbst Mitglied in dem Club und es entsteht eine spannende Diskussion über den Zustand der Frauenrechte in Deutschland und Moldau. Vicky, als Mitglied im Parteirat der baden-württembergischen Grünen, erklärt unser Grünes Frauenstatut und die 50+ Quote die auf viel Lob stößt. Wer weiß, vielleicht werden ja ein paar Ideen des grünen Feminismus auch in Moldau adaptiert. Auf jeden Fall ein guter und interessanter Austausch, auf den eine kurze Fahrt in die Stadt folgt. Dort steht die Besichtigung und ein kurzes Gespräch mit den Menschen von der Internationalen Akademie für Aus- und Weiterbildung (IAW) auf dem Programm. Der Verein mit Sitz im Brigachtal wurde gegründet, um moldawischen Student*innen ein Praktikum in Deutschland zu vermitteln. Die Besonderheit: alle Praktikant*innen verpflichten sich nach einem Jahr wieder nach Moldau zurückzukehren und dort dann ggf. für die Firma zu arbeiten. So werden also nicht einfach nur gut ausgebildete Menschen aus Moldau abgezogen, wo sie dringend benötigt werden (Stichwort: Brain Drain), sondern Know How aus Deutschland kommt auch hier an. Ein gutes Projekt, dass noch in einer sehr frühen Phase steckt aber bereits jetzt wollen über 100 junge Menschen jährlich mitmachen. Leider müssen wir auch schon wieder weiter, denn der nächste Termin wartet. Glücklicherweise ganz in der Nähe, im Scuarul Mezon, einem der vielen kleinen Parks in Chisinau. Dort begutachten wir, nachdem wir bereits ein stationäres in Rumänien gesehen haben, ein mobiles Präventionszentrum der Polizei Moldau. In einem umgebauten Transporter gehen die Polizeibeamt*innen an besondere Schwerpunkte im ganzen Land und beraten und informieren die Menschen vor Ort mit Flyern, Videos und im persönlichen Gespräch. Außerdem klärt die Polizei auch ganz Grundsätzlich über ihre Arbeit auf um der allgemeinen Skepsis entgegenzuwirken, die der Polizei in Moldau oft begegnet. Tatsächlich erzählt uns Vladimir Negura, zuständig für internationale Beziehungen beim Innenministerium, dass die Menschen nach Auftritten des mobilen Zentrums deutlich freundlicher gegenüber der Polizei sind. Bei jeder Veranstaltung gibt es als Höhepunkt einen Vortrag aus den Reihen der Polizei zum aktuellen Schwerpunktthema. Heute ist das die Verkehrssicherheit und vor allem, der Alkoholkonsum im Straßenverkehr. Moldau ist in der weltweiten Rangliste der Länder mit dem höchsten Pro-Kopf-Alkoholkonsum auf Platz 3 und knapp 70% aller in Moldau begangenen Straftaten, werden unter Alkoholeinfluss begangen. Ein riesengroßes Problem also, bei dem Aufklärung definitiv Not tut. Und nach dazu ist das mobile Präventionszentrum ein Beitrag für eine transparente und bürgernahe Polizei. Wir mögen die Aktion auf jeden Fall und verabschieden uns mit einem positiven Eindruck zum nächsten Termin mit Anatolie Prohnitchi dem Vorsitzenden der moldauer Grünen. Der hat für uns sogar ein Kamerateam des moldauischen Nationalfernsehens organisiert denen ich fragen zu unserer Donaureise beantworten darf und natürlich wird auch Anatolie selbst interviewt. Eine gute Sache, denn die Grüne Partei ist in Moldau leider nicht im Parlament und bekommt deswegen relativ wenig Aufmerksamkeit in der Presse. Schön, dass unser kurzer Besuch daran, zumindest heute, etwas ändern kann. Anschließend versuchen wir, gemeinsam mit einer größeren Gruppe der Grünen, die landestypische Küche und unterhalten uns über die Chancen der Grünen Moldau bei der Parlamentswahl im nächsten Jahr. So endet der Tag in Chisinau also sehr entspannt. Sollte man zumindest meinen denn, ihr erinnert euch, ich habe da ja noch ein kleines Pass-Problem. Tatsächlich ist mein Pass auch im Laufe des Tages nicht angekommen also entschließt sich das Team dazu, sich vorläufig zu trennen. Vicky und Anja wollen sich nämlich unbedingt ausgiebig unseren nächsten Stopp, Odessa, anschauen und deshalb am nächsten Tag den ersten, und einzigen, Zug dorthin nehmen. Der fährt am frühen Morgen, da ich aber noch Zeit brauche um mir von der Deutschen Botschaft einen neuen Pass ausstellen zu lassen, will ich nachkommen mit einem der Busse, die relativ zahlreich zwischen den großen Städten in der Region verkehren. Ich muss mich also vom restlichen Team trennen, kann dafür aber länger schlafen. Damit kann ich ausnahmsweise leben.

Fazit des Tages: Wo ein Wille ist, ist auch ein Visum.

 

Tag 13 – 10.08.2018

Chisinau – Odessa

Vicky und Anja sind also weg und ich muss schauen, wie ich an einen vorläufigen Pass komme. Dank der Hilfe von Ecaterina und der großen Geduld der Mitarbeiter*innen in der deutschen Botschaft gelingt das auch nach einigen Stunden. Ich bin jetzt der Besitzer eines Reisepasses der Bundesrepublik Deutschland, ausgestellt von der Botschaft in Chisinau. Toll. Trotzdem wäre es nett, wenn mein richtiger Pass irgendwann wieder auftaucht aber um dieses Problem muss sich jetzt DHL kümmern. Nachdem ich mich zig mal bei Ecaterina für alles bedankt habe, setzt sie mich in den Bus nach Odessa. Eine interessante Erfahrung! Der Bus ist ein, voll besetzter, Transporter ohne Möglichkeit die Fenster zu öffnen und natürlich auch ohne Klimaanlage. Eine recht unangenehme Situation, vor allem weil manch ein anderer Fahrgast relativ wenig Rücksicht auf den Rest der Truppe nimmt. Aber gejammert wird ja nicht mehr also einfach nicht beachten. Immerhin legt der Bus ausreichend oft Pausen ein in denen frische Luft und frisches Wasser geschnappt werden kann. Auf der Fahrt durchqueren wir auch ein kleines Stück Transnistriens, De-Facto ein unabhängiger Staat am östlichen Rand Moldaus. Während sich die Bevölkerung Transnistriens nach der Wende eher Russland zugehörig fühlte, war Moldau deutlich stärker am Westen orientiert. Dies führte zu Beginn der 90er Jahre zur Abspaltung und zu einem Konflikt, der mehrere Hundert Todesopfer auf beiden Seiten gefordert hat. Offiziell anerkannt wird Transnistrien heute zwar von keinem anderen Land der Welt, trotzdem verfügt der Staat über eine eigene Regierung, eigene Schulen und ein eigenes Militär. Der Konflikt zwischen Transnistrien und der Republik Moldau ist einer der ungelösten, aber im Moment „eingefrorenen“, Konflikte auf der Welt. In unserem kleinen Bus merkt man allerdings wenig von alldem. Der Grenzverkehr zwischen Moldau, Transnistrien und der Ukraine ist glücklicherweise recht unkompliziert und, abgesehen von der langen Wartezeit, funktioniert er auch mit meinem vorläufigen Pass Problemlos. Während ich also an der Grenze stehe, sind Vicky und Anja schon längst in Odessa angekommen und schicken mit Bilder von sich am schwarzen Meer. Danke dafür, die beiden wissen einfach wie man bei mir gute Laune weckt.

Doch auch diese Busfahrt geht zu Ende und auch ich komme in Odessa an. Die Millionenstadt ist unser einziger Halt in der Ukraine, gleichzeitig ist es der östlichste Punkt des Donauraums und markiert die Halbzeit unserer Reise. Nachdem sich das Team Alex im Hotel wiedervereinigt hat, schauen wir uns noch das Stadtzentrum an. Hierzu müssen auch einige Sätze geschrieben werden, denn keiner von uns hat jemals eine solche Stadt gesehen! Bei Tag ist Odessa eine Stadt voller großer Boulevards, Strandpromenaden und Prachtbauten aus dem 19. Jahrhundert. Bei Nacht verwandelt sich die Altstadt aber in einen großen, bunt beleuchteten, verrückten Zirkus in dem einem alle Möglichen Künstler*innen und Freaks begegnen. Und leider auch viele Tiere, von Pferden über Hasen bis hin zu riesigen Würgeschlangen, deren Einsatz in dem Trubel des nächtlichen Odessas unserer Meinung nach verboten gehört. Auf jeden Fall sind wir von dieser Stadt tatsächlich ziemlich erschlagen und wissen noch nicht so recht, was wir von Odessa halten sollen. Allzu viel schauen wir uns aber ohnehin nicht mehr an, denn der Tag am Strand scheint für Anja und Vicky recht anstrengend gewesen zu sein. Deshalb geht es früh schlafen, denn morgen stehen wieder einige Termine im Programm.

Fazit des Tages: This used to be a fun House…